Montag, 19. Dezember 2011

Das Auen-Credo

Die alte Brücke in der Spillerner Au

Wenn man von Spillern aus die Au Richtung Donau geht, kommt man auf halber Strecke zum Stockerauer Arm, der hier schmal und geradlinig durch den Wald führt, um später ins Krumpenwasser zu münden.



Über dieses sumpfige Rinnsal gelangt man heute über die üblichen geschotterten Betonrohre. Doch viele Jahrzehnte lang führte hoch darüber eine recht massive Brücke aus Stahl und Holz, dazu geeignet auch schwere Fahrzeuge zu tragen, um eine zuverlässige Verbindung zum anderen Ende dieses "Hauptweges" zu schaffen, wo sich früher bewohnte Häuser am Krumpenwasser befanden.




Die Au war die Kinderstube der Spillerner Dorfjugend, ein lebendiger Dschungel, geschaffen für echte Abenteuer. Doch außer den Waldarbeitern und einigen passionierten Anglern und Jägern verspürten nur wenige den Drang, sich dauerhaft mit dieser Wildnis voll von Gelsen, Schlamm, Brennnesseln und fauligem Holz zu verbinden und unabhängig vom Wetter regelmäßig "do eine z' foahn".





Abgesehen von Volkswandertagen, den jährlich wiederkehrenden Invasionen von Schneeglöckerpflückern, oder den Massen an Ausflügler an lauen Sonn- und Feiertagen, war die Au in den 1970/80ern über das Jahr zumeist menschenleer.




Nur wenige Anwohner sahen damals die Wildnis an der damals noch recht verschmutzten Donau als erweiterten Lebensraum für ihre Aktivitäten, oder identifizierten sich gar damit. Die Worte "Biotop" oder "Ökosystem" waren erst im Keim im allgemeinen Sprachgebrauch zu verankert.


Als die Aubrücke noch stand, war man daher an ca. 359 Tagen im Jahr allein im Wald und wir konnten ungehindert zu Auenmenschen heranwachsen. Wir wurden vom Urwald verschluckt und identifizierten uns überhaupt nicht mit der  Menge an Leuten, die zur Erholung in den Wald spazierte. Das Gros blieb eh lieber in der Nähe der Zivilisation, entfernte sich scheinbar ungern von der Schnellbahnstation und vom Auto am Parkplatz an der Autobahnunterführung. Man schlenderte zur Schottergrube, welche später zum Spillerner Natur-Freibad wurde, eventuell noch ein Stück weiter bis zum Stockerauer Arm wo die alte Brücke wie eine psychologische Barriere wirkte, die es zu überwinden galt.



Kaum hatte das erste Grün die Invasion der "Schneeglöckerl-Brocker" überstanden, registirierten wir mit jugendlicher Aufsässigkeit dieses groteske Massenauftreten der strikt langsam nebeneinander Gehenden regelmäßig bei schönem Wetter zu Ostern oder zu Pfingsten. An solchen Wochenenden war der Hauptweg bis zur Aubrücke schwarz vom Ansturm urbaner Menschen. 



An der alten Brücke angelangt hatten viele keine Lust mehr, tiefer in die Au hinein zu gehen und drehten wieder um, ein Teil machte in einem seitlich abgehenden Forstweg eine bequeme Schleife zurück. Wer sich noch nicht vom Gedanken an G'spritzten und Schweinsbraten zurück locken ließ, wanderte über die Brücke weiter bis zum Krumpenwasser, wo es an einer Lichtung am Ufer mit einem kleinen verfallenen Gehöft und uralten Obstbäumen an lauen Sommerabenden eine der stimmungsvollsten Stellen in der Au gab.




Die ganz asketischen ließen sich anschließend entlang des schlammigen Ufers am Krumpenwassers stromabwärts leiten, wo ein immer schmaler werdender Pfad  zu einem defekten Wehr führte von wo aus man zu den Überresten des verwilderten Treppelweges an der damals noch frei und schnell fließenden Donau gelangte. Dort konnte man dann frei von jedem zivilisatorischen Ballast durchatmen.


Als jugendliche Delegation der Ortsansässigen waren wir manchmal zu dritt, viert unterwegs um die Besuchermassen durch riskante Radmanöver zu erschrecken. Zerknirscht mussten wir feststellen, dass es nicht moeglich war, auch nur einen "unnedigen Weana" aus dem empfindlichen Biotop zu verscheuchen.  Also beließen wir es dabei, mit unseren ausgeflippten Rädern in entlegene Regionen des Waldes zu fahren, was zwar offiziell verboten aber in unserem Fall nie geahndet wurde, da man uns nie erwischte. An  besonders wilden Stellen gab es den wahren "Auenspirit". Ein lebender Organismus, eine in ihren Sprachen kommunizierende Gesamtheit. Eine andere Welt.


Wir verbrachten somit die schönsten Tage der Jugend auf zwei Rädern. Es war unser Naturrecht, als Auenmenschen in alle Winkel des Waldes zu kriechen, durch Schlamm, Brennnessel, über Baumstämme balancierend, bis zum Nabel durch das Hochwasser. Alles mit dem Radl. Unsere Vehikel erleichterten uns, die notwendigen Distanzen in unserem intuitiv abgesteckten Revier zu überbrücken. Wir hatten aus alten Waffenrädern und weggeworfenen Teilen aus den ergiebigen Müllhalden hinter den Ortschaften den Vorläufer des Mountainbikes konstruiert, das "Auradl" halt. Ausreichend geschmiert, die geflickten Uraltreifen prall gepumpt, die Rahmen fantasievoll bemalt.

A

So jagten wir im zügigen "Auentempo" die Schotterwege entlang und bretterten übermutig über die Bohlen der alten Brücke, weil es im Wald so schön zurück hallte. Nach diesem Ra-tatat-atem-attam-atat-em ! gelangte man auf einen sanft geschwungenen Weg in einer idyllischen Lichtung. Unsere verfeinerten Sinne nahmen die vielen kleinen Naturwunder frisch und neu auf. Weiter, weiter.


Dieses Ra-tatat-atem-attam-atat-em ! veränderte sich im Lauf der Jahre, es wurde zum Bumpadumpumm-bap-bap! da immer mehr Bohlen wegfaulten und man gezwungen war immer  gefinkelter zwischen den schenkeldicken Spalten Slalom zu fahren. Anders kam man trockenen Leibes nicht mehr hinüber.



Wir hatten unter den Pedalen interessante Durchblicke auf die schlammige Wildnis unten. Unvergesslich auch das weithin hörbare Zawumm ! wenn einer von uns eine unabsichtliche Landung auf den restlichen noch vorhandenen glitschigen Balken hinlegte. Das kam in unserer Lässigkeit manchmal vor und wurde mit schallendem Gelächter belohnt. Passiert ist nix.




Die Brücke über den Stockerauer Arm war ein psychologischer Checkpoint beim Eintritt in die geheimmnisvollen Tiefen der Auenbiotope. Ab hier begann die Natur reicher, unberührter und in jeder Hinsicht faszinierend zu werden. Musik und Malerei schienen mir am ehesten geeignet, die darin gemachten Erfahrungen zu verarbeiten und die Botschaft der Au an meine Mitmenschen zu vermitteln. Ich lebte meine Auen-Sehnsucht aus und lernte dabei sorgsam mit der Natur umzugehen. Möglichst lautlos, umsichtig, ohne Spuren zu hinterlassen. In etwas reiferen Jahren mit Malzeug oder einem Naturführer in der Tasche.


Damals atmete das Naturparadies noch ungehindert. Es waren nicht nur alte Häuser, verfallende Brücken, geborstene Wehren und morsche Hochstände zu finden, welche von der Natur rasch zurück erobert wurden und die menschliche Phantasie anregten. Auch vom regulären Donau-Hochwasser angespülte Zillen, Plätten  oder Paddelboote bereicherten unseren jugendlichen Erfahrungsschatz im Wald.


Einmal, zu zweit unterwegs, fanden wir jenseits der Stockerau Au im Ufergestrüpp der "Alten Naufahrt" verkeilt ein ca. 5 Meter langes hölzernes Zweierkajak. Es musste schon länger hier gelegen haben, die Bespannung war teilweise weggefault, das imprägnierte Holzgerüst schien noch brauchbar.


Wir zerrten das Wrack aus dem Dickicht und transportierten es - natürlich mit unseren Fahrrädern - nach Spillern. Einer hielt den Bug beim Fahren vorne der andere hinten hatte das Heck am Lenker liegen, so kamen wir über die Aubrücke. Wir machten dort zur Entspannung unserer schmerzenden Arme eine Pause und fingen zu streiten an, wem das Boot nun gehörte. Gefunden hatten wir es ja beide, geschleppt auch. Also.


Wir einigten uns auf die glorreiche Idee, das Boot in der Mitte durchzusägen, Bug und Heck waren genau symmetrisch, jedem gehörte also eine Hälfte. So machten wir das dann auch. Wir sägten es im elterlichen Garten auseinander,  passten geschickt Bretter in das Halbrund der Schnittstellen ein und bespannten die Holzkonstruktionen mit alten Bettlaken und dichteten sie mit Teer ab.


Einige Tage später fuhren wir wieder mit dem Fahrrad, unsere frisch renovierten Bootshälften grotesk auf den Buckel geschnallt über die Aubrücke zum Krumpenwasser hinaus, wo wir eine erste und letzte Testfahrt machten.


Enttäuscht mussten wir feststellen, dass unsere Bootshälften zwar dicht waren und trotz dem halbierten Auftrieb geeignet, unser Körpergewicht zu tragen, aber sobald man zu paddeln begann, erzeugte das senkrechte Heck einen gewaltigen Sog, der sowohl bremste als auch das Heck unserer Konstruktionen nach wenigen Paddelschlägen gnadenlos unter Wasser drückte. Man konnte damit nur bewegungslos auf dem Wasser treiben. Die Option, die zwei Hälften wieder zusammen zu schrauben, als Prototyp eines teilbaren Kajaks sozusagen, ließen wir leider so lange offen, bis unsere nutzlosen Schinakeln ihren Weg durch einen Rauchfang fanden.


Eines Tages sorgte ein gewaltiges Bauvorhaben für die unumkehrbare Veränderung des Naturraumes Donauauen. Unser Biotop, welches sich über viele Quadratkilometer erstreckte, wurde ab 1981 großflächig abgeholzt, die Tiere vertrieben, alle Pflanzen und der Boden abgetragen. Ein riesiges Kraftwerk wurde uns vor die Nase gesetzt. Oko-Strom hin oder her, abgedichtete Dämme, der Landverlust durch die invasive Trockenbauweise, riesige Strommasten und asphaltierte Zubringer beeinträchtigen seitdem große Teile der subtilen Wildnis.


Der Kraftwerks-Schock von damals hat uns Ex-Auenmenschen geprägt, litten wird doch mit jedem geschundenen Baum mit, der zu unserem "Bekanntenkreis" gehörte.  Nirgendwo regte sich Protest, mein Klagelied stieß auf Unverständnis, es folgten traumatische Momente. Als desperater Jugendlicher flüchtete ich gemeinsam mit Rehherden in der Dämmerung vor den Baumaschinen über die aufgewühlten Schotterlandschaften.  


Wie weit wird die Vernichtung gehen? Bis zum Krumpenwasser? Bis zum Naturbad, den Schottergruben? Fünf Jahre währte mein einsames Lamento.



Niemandem sonst schien diese Zerstörung so nahe zu gehen. Was ich damals nicht bemerkte: So alleine war ich mit meinen Ansichten gar nicht mehr. Das nächste Projekt dieser Art führte zu einem gewaltigen Aufschrei im ganzen Land. Die Verantwortlichen hatten den Bogen überspannt und sahen sich derart massiven Protesten ausgesetzt, dass von dem geplanten Kraftwerksbau in Hainburg Abstand genommen werden musste. Die damals betroffene Region wurde als Natinalpark Donau-Auen unter Schutz gestellt.


Für die Auteile bei Greifenstein kam dieses Umdenken zu spät, aber mit der Inbetriebnahme des Kraftwerkes im Jahre 1985 wurde zumindest ein Schlussstrich unter einige quälende Fragen gezogen. Die Au um die alte Aubrücke blieb erhalten, sogar das Krumpenwasser durfte als Gießgang weiter existieren. Die ehemals stark strömende Donau musste nun als Stausee herhalten, im Gegenzug wurden Kläranlagen gebaut, der Kraftwerksbetreiber unterlag strengen Umweltauflagen, die Wasserqualität der Donau verbesserte sich zudem von Jahr zu Jahr und Altarm und Stausee bekam die blaugraugrüne Farbe von Alpengletschermilch, in die man als Badender bedenkenlos eintauchen konnte. 


Durch die ökologische Aufbruchsstimmung beherrschten neue Agenden die Politik und das öffentlichen Leben, es konnten viele Projekte ins Leben gerufen werden, welche der Natur und damit den Menschen zugute kommen sollten.



Mittlerweile sind die Donauauen viel stärker im Bewusstsein der Bevölkerung verankert, sie werden als unverzichtbares nationales Naturgut angesehen, das es zu bewahren gilt.


Die alte Aubrücke wurde längst abgetragen, und der "Hauptweg", welcher in die Au führt, bleibt für Radfahrer gesperrt. Als Erwachsener meide ich sowieso seit vielen Jahren freiwillig diverse Regionen, um die Biotope nicht unnötig zu stressen. Es gibt genug Radtouristen heute, welche von der anderen Donauseite über das Kraftwerk kommen, um die Natur zu konsumieren. Als gelegentlicher Besucher wundere ich mich über den radikalen Holzeinschlag in den für Rad-Touristen gesperrten Regionen. Die verbliebene Au hat den massiven Eingriff im Flusslauf bis zu einem gewissen Grad wegstecken können, da sie durch ein künstliches Überlaufsystem feucht gehalten wird. Ihre Gesundheit ist eine fragile Angelegenheit, gefährdet durch Urbanisierungsdruck und dem zunehmenden Klimawandel. Es mag stimmen, dass die Folgen und Gefahren eines Wasserkraftwerkes um einiges weniger gravierend sind als z.B. Kohle- oder Atomkraftwerke. Was zusätzlich pessimistisch stimmt,  sind das schleichende Vordringen der Infrastruktur, die vermehrten Störungen durch Kraftfahrzeuge und Freizeitverhalten und nicht zuletzt die zunehmende Umgestaltung des Greifensteiner Altwassers als Tourismusziel.



Was blieb von unserer Zeit des Herumstreichens in der Wildnis? Das Kredo der unberührten Natur und dass uns fehlende Nachhaltigkeit in genau jene Sackgasse führt, in welcher sich die Menschheit zur Zeit befindet.
Wir konnten schon als Teenager die Wahrscheinlichkeit einer globalen Krise hochrechenen, ausgehend von unserem Biotop, da unsere Zivilisation ihre wichtigsten ökologischen Grundlagen sukzessive zerstört und wir sollten uns im Schatten der verbliebenen duftenden Weiden darauf besinnen, welche geheimen Wege aus dieser selbst geschaffenen Sackgasse heraus in den Auwald führen. Ermöglichen wir es doch unseren Kindern und Kindeskindern, sie zu entdecken!